Wohlstand
Denen, denen es gut geht, ginge es besser,
Ginge es denen besser, denen es weniger gut geht.
Doch denen, denen es weniger gut geht, geht es nur besser,
Wenn es denen, denen es besser geht, weniger gut geht.
Daher geht es kaum, dass es denen, denen es gut geht, besser geht.
 
frei nach Mani Matter
 
 
Die weiße Fee
 
Es waren einmal eine Lahme und ein Blinder. Der Blinde stützte die Lahme und ersetzte ihr das defekte Bein. Die Lahme führte den Blinden und ersetzte ihm die kaputten Augen. Sie lebten zufrieden und hatten sich gern. Manchmal, wenn sie nachmittags in der Sonne nebeneinander auf der Bank am Teich saßen, die Wärme auf ihren Wangen spürten, den Enten ein Stück Brot zuwarfen, anschließend geruhsam zu ihrer Wohnung zurückkehrten, die Lahme einen Kräutertee aufgoß, den der Blinde ins Zimmer trug, sie sich auf dem Sofa aneinanderkuschelten und das Wunschkonzert im Radio hörten, waren sie richtig glücklich.
Eines Tages kam eine weiße Fee und jeder hatte einen Wunsch frei. Der Blinde wünschte, daß er sehen, die Lahme, daß sie laufen könne. Da versetzte die Fee sie in einen tiefen Schlaf und als sie erwachten, konnte der Blinde sehen und die Lahme laufen. Seitdem hetzt die nicht mehr Lahme von einem Geschäft zum anderen, während der nicht mehr Blinde zu Hause auf die Bilder im Fernseher starrt. Abends streiten sie, weil der nicht mehr Blinde den Tee selber kochen und die nicht mehr Lahme die Tasse allein ins Wohnzimmer tragen muß.
 
 
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nach oben | © Marianne Müller-Brettel | letztes Update: 14.07.2010